Top-News

Workshop überrascht

Es ist der breite thematische Bogen, der den Bäko-Workshop so interessant macht. Wo sonst stehen Umweltaktivist, Marketing-Professor und Wirtschaftsjournalist auf einer Bühne? Einblicke in eine Branchenveranstaltung, die immer wieder überrascht.

Vor der Kamera wirkt er stark, kämpft für Eisbären, Haie und Löwen. Doch auf der Bühne des Bäko-Workshops im Mövenpick-Hotel in Münster wirkt er unsicher, nervös, bewegt sich hektisch zwischen Rednerpult und Laptop, vertauscht Tasten. Schauspieler und Umweltaktivist Hannes Jaenicke rückte noch einmal in den Blickpunkt, wie der Mensch durch sein Konsumverhalten die Zerstörung der Natur beeinflusst – vom morgendlichen SUV-Transport der Kinder zur Schule über den Einsatz von Palmöl bis zur achtlos mitgenommenen Plastiktüte beim Einkauf. Applaus, Selfies, Netzwerken mit den mehr als 300 Teilnehmern.

Zwei Tage lang ging es Schlag auf Schlag, von Thema zu Thema. Und bei jedem Vortrag blieb mindestens eine Botschaft hängen. Da war der Wirtschaftsjournalist Wolf Lotter, der sich mit Qualität auseinandersetzte und in ihr nur eine der Voraussetzungen für Erfolg sieht. Viel wichtiger sei die Geschichte, die der Bäcker seinem Kunden zu einem Produkt mitliefert. Und der persönliche Kontakt: „Die Kunden wollen wahrgenommen werden.“

Eine Aussage, die Mahsa Amoudadashi, sofort unterschreiben würde. Die 30-jährige Powerfrau sorgte mit ihren authentischen Beispielen aus Mitarbeiter- und Kundensicht immer wieder für spontanen Beifall. Ihr Tipp: Chefs und Führungskräfte sollten ihre Läden immer aus der Sicht eines Kunden betreten – und betrachten. Sonst würde ihnen nie auffallen, was die Kunden stört und sie von künftigen Einkäufen abhalten könnte.

Und dann war da noch Marlies Gruber. Die Ernährungswissenschaftlerin aus Österreich führte den Besuchern vor Augen, dass sich immer mehr Verbraucher über ihr Essverhalten definieren und es zum wichtigsten Bestandteil ihres Lebens machen. Darum steigt die Zahl der Vegetarier, Veganer und anderer, oft einseitiger Ernährungsformen. Was teilweise komische Blüten trägt: ein kurzer Ausschnitt aus einer Extra 3 Sendung bringt das satirisch auf den Punkt. Trost für Bäcker: Geschmack ist immer noch wichtiger als Gesundheit. Und handwerklich anmutende Produkte sind dem Verbraucher sympathischer.

Untermauert wird diese Aussage auch von neuen Zahlen, die Dr. Achim Spiller, Marketing-Professor für Lebensmittel und Agrarprodukte an der Universität Göttingen, exklusiv für den Bäko-Workshop ermittelte. Zusammen mit seinem Team befragte er dazu 1.000 repräsentative Verbraucher zwischen 18 und 75 Jahren zu Bäckern und Backwaren. Ein Ergebnis: Nur rund 14 Prozent kaufen in erster Linie gesundheitsbewusst. Wichtiger sind den Kunden vor allem appetitliches Aussehen, die Frische des Brotes und der Geruch von frisch Gebackenem im Laden. Mehr als 85 Prozent stimmen der Aussage zu: „Beim Kauf von Backwaren achte ich in erster Linie auf den Geschmack“. Tipp von Spiller: „Gesundheit sollte nicht im Vordergrund der Positionierung von Bäckereien stehen.“

Dazu können ganz praktische Dinge beitragen, wie Trendscout Dr. Dag Piper aufzeigte: Kostenloses WLAN in allen Filialen, dazu Lademöglichkeiten für Mobiltelefone, möglichst an jedem Tisch. Bezahlmöglichkeiten per Smartphone werde auch in Bäckerfilialen bald zum Standard gehören. Denn: „Gute Produkte alleine reichen nicht zum Erfolg, Service wird weiter an Bedeutung gewinnen.“ Und wer wissen will, wohin Ernährungstrend gehen, sollte sich regelmäßig in Food-Blogs im Internet umschauen. Zum Beispiel bei BakingLifeStories, Bake to the Roots oder uhiesig – eine kulinarische Weltreise.

Das Geschmack, moderner Auftritt in sozialen Medien und ausgefallene Ideen bestens zusammenpassen, dafür steht Bäckermeister und Brotsommelier Axel Schmitt. Mit seinem Laden im ländlichen Frankenwinheim überrascht er seine Kunden immer wieder. Betreibt einen zusätzlichen Pop-up-Laden, der nur sonntags öffnet, und beschallt für Aktionen medienwirksam Sauerteig mit Hardrock. Ergebnis: Der Laden läuft, die Medien reißen sich um ihn und auch in Münster erntete der Mann mit dem Baseballcup viel Beifall.

Fazit der meisten Besucher: Spannende Themen, spannende Zeit. Und diesmal waren selbst die Frühstücksbrötchen im Tagungshotel klasse. Auch Mövenpick kann eben backen.

Mehr zum Bäko-Workshop lesen Sie demnächst in der gedruckten Ausgabe von back.intern.